1807
Die Kreis-Verwaltung stand noch unter dem Herrn von Metternich und die Landes-Verwaltung unter dem Gouvernement Minden. Um die außerordentlichen allgemeinen Landes-Abgaben, die die gegenwärtige Zeit erforderten, zu decken, wurden unterm 5. Januar folgende außergewöhnlichen Steuern zur Entrichtung im laufenden Monate ausgeschrieben, als:
Ein doppelter Kopfschatz, Eine Viehsteuer, Eine Handlungssteuer und eine Nahrungs- oder Gewerbesteuer.
Da aber der Kriegsfond bald wieder erschöpft war, und den Mindenschen Gouvernements-Provinzen neuerdings eine Lieferung von Pferden für den Dienst der französischen Armee und die vollständige (unleserl.) eines französischen Bataillons von 1200 Mann, auferlegt war, so wurde unterm 22. Juni der Provinz Paderborn abermals eine Geldsumme von 50000 Reichsthalern abgefordert.
Nach dem Friedensschlusse zu Tilsit wurde gegen Herbst das Königreich Westphalen errichtet und für dasselbe eine provisorische Regierung eingerichtet. Ebenso wurden vom 1. October an alle Abgaben auf Rechnung dieses neu geschaffenen Staats erhoben. Hyronimus Napoleon, Bruder des Kaisers von Frankreich, wurde diesem als König vorgesetzt, welcher die Regierung am Schlusse des Jahres noch antrat, und so wurden wir nun Königlich-Westphälische Unterthanen. So verlief dieses Jahr unter lauter Gelderpressung und Ungemach. Demungeachtet war dieses erst der Anfang einer kommenden, drückenden Zeit, und das 1808te Jahr brachte uns gleiche Schicksale.

1808
Nachdem der Westphälische Staat in 8 Departements, jedes Departement in Districte und jeder District in Cantons eingetheilt war, wurde unser Dorf dem Canton Lichtenau zugetheilt. Gegen Ende dieses Jahres wurde der Herr August Mantell zum Cantons-Maire des Cantons Lichtenau ernannt. Das Canton Lichtenau gehörte zum District Paderborn, dessen Unter-Präfect der Herr von Cloerfeld(?) war. Aber auch das Steuerwesen kam an die Reihe, weil man mit den bisherigen Abgaben nicht auskommen konnte. Die Grundsteuer wurde durch ein königliches Decret auf 10.000.000 Franks festgesetzt. Deß ungeachtet, waren die Steuern nicht ausreichend, um damit die Bedürfnisse des Staats, als auch die Verschwendung und den Luxus am Hofe zu Cassel zu befriedigen. Vielmehr wurde noch eine Anleihe von 20.000.000 Franks gemacht, wozu jeder Bürger, der ein Vermögen von 5000 Franks besaß, 100 Franks beitragen mußte. Endlich wurde auch noch die Militär-Conscription in's Werk gesetzt, nur vorläufig 12000 Mann auszuheben, wodurch manche Stütze einer hilflosen Familie, mancher Sohn eines kümmerlichen Vaters, wenn er noch nicht 60 Jahre zählt, und mancher junge Mensch, der einen höheren Beruf hatte, unter's Gewehr gestellt wurde.

1809
Mit dem 1. Januar traten die Cantons-Beamten in Function, welche mit Erhebung der directen Steuern beauftragt waren. Im Februar wurde abermals die Aushebung von 7000 Mann befohlen, und im September wieder 5000 ausgeschriebene Reserven in Activität gesetzt.

1810
Dieses Jahr wurde der bisher noch nach der alten Einrichtung gehobene Kopfschatz in eine classificierte Einkommen-resp. Personalsteuer verwandelt. Die Personalsteuer wurde monatlich erhoben. Als Einkommensteuer mußte jeder jährlich 1/10 seiner reinen Einnahmen abgeben. Endlich wurde nochmals eine Erzeugungs-Anleihe von 10.000.000 Franks befohlen. So wurden von Jahr zu Jahr die Steuern und Abgaben erhöht und vermehrt, und den Unterthanen ihr sauer erworbenes Vermögen nach und nach abgenommen. Ferner wurden für das laufende Jahr wieder 8000 Militairpflichtige in (unleserl.) gesetzt, wodurch die Kriegsmacht auf 37000 Mann heranwuchs. Es ist kein Wunder, daß der durch solche starke Aushebung verursachte Mangel an Menschen, die dem Ackerbau und Handwerke entzogen wurden, und die durch die Aufstellung einer zu großen Armee, und durch die Verschwendung am Hofe zu Cassel zwar nothwendig gewordenen, aber für die Unterthanen unerschwinglichen Abgaben, eine allgemeine Unzufriedenheit, ein leises Murren, und hin und wieder Aufstand zur Folge hatten. Außer dieser aufgestellten Militairmacht wurde noch eine Legion Gendarmerie errichtet, wovon das Canton Lichtenau eine Brigade, aus 5 Mann bestehend, in Standquartier hielt. Hat je die Westphälische Regierung etwas Nützliches bewirkt, so geschah solches durch die Einrichtung der Gendarmerie.
Nie war das Eigenthum der Unterthanen sicherer, nie hörte man weniger von Diebstählen, Räubereien und Mordthaten, nie sah man weniger Vagabunden und allerlei Gesindel, wie in der damaligen Zeit, welches man einzig und allein der Wachsamkeit und Stetigkeit der Gendarmerie zuzuschreiben hatte.
Am 27. März dieses Jahres wurde unser Dorf durch eine große Feuersbrunst heimgesucht, wodurch fast das ganze Dorf eingeäschert wurde. Anm.: Der mündlichen Überlieferung nach blieben nur sechs Häuser von der Katastrophe verschont. Vikar Josef Rörig schreibt dazu 1915 in seiner Chronik der Gemeinde Holtheim Folgendes: "Der + Ludwig Schäfers erzählte mit, Vikar Rörig, ein Grenzreiter sei von Kleinenberg her nach Holtheim geritten gekommen u. habe sich zwischen der Königswirtschaft (Anm: vulgo Künniges, Nr. 34, Schulstr. 6) und der jetzigen Wohnung des Landwirtes Joh. Hillebrand (Anm.: Nr. 35, Schulstr. 5) eine Pfeife angezündet u. habe den brennenden Schwamm weggeworfen. Der Schwamm sei in Stroh gefallen und in der Zeit einer Stunde sei ganz Holtheim in Flammen gewesen. Wie ich noch weiter gehört habe, seien die meisten Leute draußen gewesen, viele, die im Walde Holz geholt hätten, hätten das Dorf bei ihrer Rückkehr abgebrannt vorgefunden." Soweit Vikar Rörigs Recherchen.
Andere berichten, in jenem Hause hätten die Speckseiten über dem offenen Herdfeuer zu brennen angefangen. Letztere Erklärung wäre ebenfalls einleuchtend, da die damals zumeist schornsteinlosen Häuser nur einen einfachen, meist hölzernen Rauchfang über dem Feuer hatten, unter dem oft noch Fleisch und Speck geräuchert wurde.