1813
Mit Anfang des Jahres fand wieder eine Aushebung von 6000 Mann statt. Zudem wurde eine außerordentliche Kriegssteuer ausgeschrieben, wodurch mancher Einwohner hart gedrückt wurde. Es scheint unglaublich zu sein, die in den letzten Jahren geforderten Abgaben leisten, allein der Unterthan gab willig sein Letztes her. Indessen hatte Napoleon, Kaiser von Frankreich, wieder eine bedeutende Mannschaft zusammengebracht, die durch die Westphaelische Armee noch verstärkt wurde, und begann gegen das Frühjahr an der Elbe von neuem wieder den Krieg gegen den Russen. Russland war (mit) Oesterreich, England, Preussen und Schweden ein Trutz- und Schutz-Bündniß eingegangen, gegen welche vereinte Macht der Krieg in Sachsen und Böhmen mit abwechselndem Glücke geführt wurde. Endlich brach der 18. October an wo in der großen Völkerschlacht bei Leipzig die französische Armee zum 2ten male völlig auf's Haupt geschlagen und aufgerieben wurde. Schon am 15. October machte ein russischer General Czermschef einen Versuch, den König von Westfalen (das war Napoleons Bruder Jérome) auszuheben indem er mit einem Piquet (kleinere Abteilung Vorposten-Kavallerie als Unterstützung z.B. von Feldwachen) russischer Cosaken vor dem Thore von Cassel erschien (Jérome regierte von Cassel aus). Allein er fand die Besatzung der Stadt zu stark, um sein Vorhaben ausführen zu können. Indessen hatte seine Erscheinung in Cassel allgemeinen Schrecken verbreitet, so daß man gegen Abend schon alle Minister, alle öffentlichen Beamten und Höflinge durch Lichtenau flüchten sah. Zwar kehrten viele, nachdem sich das russische Reitercorps zurückgezogen hatte, nach Cassel zurück, allein nur wenige Tage. Denn unmittelbar nach der Schlacht bei Leipzig rückte ein russisches Corps von 30.000 Mann unter dem General Winzingerode gegen Cassel an, auf dessen Nachricht abermals alles die Flucht ergriff und selbst der König in aller Stille in der Nacht vom 27. auf den 28. October durch Lichtenau eilte. Ebenso machte sich alles Militair aus Cassel fort. Am 3. und 4. November zog die Artillerie und Cavallerie des Winzingerodi'schen Corps durch Lichtenau und am 5. folgte dann die ganze Infanterie, die hier in der Gegend ihr Nachtquartier hielt. Alle Häuser waren so gedrängt voll, daß selbst die Bewohner solche räumen mußten. Alle Ordnung hatte aufgehört; alles Vieh was die Russen fanden wurde geschlachtet, alles vorräthige Brod aufgezehrt, so daß sich mancher solches von andern Orten holen mußte. Mitunter fiel auch manche Mißhandlung der Einwohner vor, die theils aus Mangel an Lebensmitteln und theils aus Unkunde der Sprache herrührte. Wer ihnen Branntwein, Fleisch, Sauerkraut, Zwiebeln, Pfeffer etc. hinlänglich vorsetzte, hatte freundliche Gäste. Den meisten Schrecken verbreiteten die Nachzügler, die Cosaken und Basgnieren (gemeint sind wohl Baschkiren, asiatische Volksstämme z.B. aus dem heutigen Kasachstan, die als leichte Kavallerie in der Armee des russischen Zaren dienten), indem sie überall plünderten, die Einwohner mit (?)schuh(?)hieben ängstigten und wie wilde Horden von Dorf zu Dorf zogen.
Diese Truppen waren dafür bekannt, nicht willige Bürger mit der sogenannten "Bastonade" zu züchtigen. Es handelt sich dabei um Stockhiebe auf die nackten Fußsohlen.
Um bei Annäherung des Winzingerodischen Corps der ersten Noth abzuhelfen, wurde auf dem Felde bei Lichtenau, neben der Chaussee ein Nothmagazin errichtet, wozu alle Gemeinden des Cantons Atteln und Lichtenau verhältnismäßig beitragen mußten. Die am 4ten durchziehende Cavallerie ladete von diesem Magazin 500 Scheffel Hafer und 1000 Centner Heu auf die Kanonen und nahmen solche gewaltthätiger Weise weg. Den 6., 7. und 8. sowie an den folgenden Tagen dauerten die Durchmärsche stets fort. Gleich nach Wiedereroberung der Paderbornischen Provinz (nämlich durch die Preußen) wurde ein aus dem Adel, Bürger- und Bauernstande zusammengesetzter Kreis-Ausschuß angeordnet, der mit der Errichtung eines Landwehrregiments beauftragt wurde. Dieses Regiment wurde schnell zusammengebracht und war 3000 Mann stark. Zur Verwaltung der Provinz wurde eine Regierungs-Commission angeordnet.