1891

Die ersten Tage des neuen Jahres ausgenommen, herrschte vom 25. November bis zum 23. Januar ununterbrochen eine eisige Kälte. Das Thermometer zeigte an mehreren Tagen 15 Grad Réaumur. Tagelang tauete das Eis an den Fenstern trotz starken Einheizens nicht auf und es gefroren selbst die Kartoffeln in den Kellern. Der Rhein soll eine Eisdecke von 4m gehabt haben. Der Februar war im Ganzen milde. Jedoch litt bei den Nachtfrösten sehr die Winterfrucht. Es stellte sich eine zweite Auflage der Influenza ein, welche aber weniger bösartig war und mehr die Kinderwelt befiel.
Die Hoffnung, nach einem solchen Winter schon sofort zum schönen Frühling übergehen zu können, sollte sich nicht erfüllen, da sowohl der März, als auch die Monate April und Mai sich recht winterlich einstellten. Am Ostermontag herrschte vollständiges Schneewehen und fiel sogar am hl. Pfingstfeste noch Schnee. Nur spärliches Grün bedeckte im Mai die Obstbäume. Die Winterfrucht stand so kläglich, daß mancher Ackerwirt mehr als die Hälfte des mit Winterkorn bestellten Ackers umpflügen mußte. Schlechte Aussichten daß, und dazu noch die hohen Preise! 1 Zentner Kartoffeln kostete 5 Mark und 1 Zentner Roggenmehl 12 Mark.
Am 7. März starb der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Drobe in Paderborn. Ein 3tägiges Trauergeläute verkündigte dieses Ereignis den hiesigen Bewohnern. Am 11. wurde die irdische Hülle des hohen Toten im Dome zu Paderborn feierlich beigesetzt.
An Stelle des Vorstehers Günther, welcher im Mai sein Amt nach 11jähriger eifriger Dienstzeit niederlegte, wurde der Ackerwirt Friedrich Diekmann am 27. April gewählt und bald nach der Wahl am 9. Mai in sein Amt eingeführt. Am 4. Mai traf der hochwürdigste Herr Weihbischof Dr. Augustinus Gockel zu Lichtenau ein, um am folgenden Tage in der Pfarrkirche daselbst das hl. Sakrament der Firmung zu spenden. Der Sommer war überhaupt regnerisch, was besonders auf die Heu- und Kleernte einwirkte, daß die meisten Futterkräuter feucht und halb verdorben nach Hause gefahren wurden.
Die Wegestrecke vom Hause des Johann Schlender bis zum Hause des Johann Thewes in einer Länge von 230 Meter wurde durch eine neue Packlage nebst Decke und zwei Abzugsknälen versehen in förmlichen chausseemäßigen Zustand gesetzt. Der Wegebauer Johann Kniewel von hier, welcher denselben im Wege des öfentlichen Verdings am 22. Juni zu bauen übernahm, mußte leider wegen der anhaltenden nassen Witterung die Arbeiten mehrmals einstellen und konnte daher nur mit größter Mühe den Weg Anfangs September fertig stellen und zur Abnahme übergeben; derselbe hat im Ganzen 1050 Mark gekostet. An Stelle des zum Vorsteher gewählten Gemeinde-Verordneten Friedrich Diekmann wurde der Ackerwirt Heinrich Dreker von der IIten Abtheilung gewählt und bald darauf in sein Amt eingeführt.


Der Herbst war ziemlich trocken, sodaß die Feldfrüchte, besonders das Sommerkorn, welches wegen der vorher anhaltenden nassen Witterung mit der Reife sehr zurückgehalten worden, doch trocken eingescheuert werden konnte. Der Roggen fiel sehr spärlich aus, welches von vielen Landwirten des Strohmangels wegen sehr beklagt wird. Stroh diente in jenen Jahren nicht nur zu Einstreu, sondern wurde gehäckselt auch als Viehfutter verwendet. Da der Roggen bis zu 2 Metern hoch wurde, eignete sich sein Stroh auch vorzüglich zum Flechten von Strohseilen. Hafer, Waizen und Raufutter waren gut gerathen; die Kartoffelernte war eine mittelmäßige, der 5te Theil war erkrankt.
Auf dem Rückmarsch von dem diesjährigen Kaisermanöver erhielt unsere Gemeinde am 30. September eine Einquartierung vom 1. Westphäl. Husaren-Regiment No. 8 in einer Stärke von 22 Mann und 39 Pferden.
Die Herbstsaat konnte ohne Unterbrechung beendet werden und da sobald ein gedeihlicher Regen folgte, fing der Roggen an, üppig zu wachsen, so daß verschiedene Stücke mit Schafen beweidet werden konnten. Ende Oktober traten Nachtfröste ein, welche sich Anfang November in ein zehntägiges Frostwetter verwandelten, dann wurde es wieder gelinde und dauerte so bis zu Ende fort. Ein Zentner Roggen und Waizen kosteten je 13 Mark, ein Zentner Hafer 8 Mark, ein Zentner Kartoffeln 4,50 Mark. Der Monat Dezember war sehr veränderlich. Es trat in diesem Monate die Masern-Epidemie unter den Kindern sehr stark auf, so daß die Schulen am 17. Dezember geschlossen werden mußten; Sterbefälle sind jedoch bei dieser tückischen Krankheit nicht vorgekommen. In diesem Jahre starben 5 Erwachsene und 5 Kinder.

Holtheim, den 31. Dezember 1891

Der Vorsteher Die Gemeinde-Verordneten

Diekmann Tölle Dreker
Humberg Köster
Schaefers Kammler