1912
Januar
Es war wechselnde Witterung mit zwei kurzen Frostperioden. Am 12. fand die Reichstagswahl
statt. Es stimmten von 125 Wahlberechtigten 118 Wähler, wovon 116 Stimmen
sich auf unseren langjährig bewährten Reichs- u. Landtagsabgeordneten,
Königlichen Landrat, Geheimen Regierungsrat Herrn Dr. von Savigny zu Büren
vereinigten. Unser vorgenannter Abgeordneter hat am 9. dMts. (dieses Monats)
unsere Gemeinde mit seinem Besuche beehrt und über die parlamentarische
Tätigkeit der Zentrumspartei im Saale des Gastwirts M(artin) Schäfers
(vulgo Grafs, Zum weißen Hirsch), welcher bis auf den letzten Platz gefüllt
war, einen kurzen Vortrag gehalten. Im Anschluß hieran hielt Herr Gutsbesitzer
Parensen aus Etteln noch einen einstündigen Vortrag über verschiedene
wirtschaftliche Fragen.
Februar
Vom Anfang dieses Monats ab wurde hier an Sonn- und Feiertagen neben der bisher
gehaltenen hl. Messe ein Hochamt gehalten zur größten Freude aller
Einwohner; es ist dafür ein Betrag von 300,00 Mk. von der hiesigen Kirchengemeinde
jährlich aufzubringen. Die Witterung war verhältnismäßig
milde.
März
Ende dieses Monats war die Witterung derart, daß mit der Haferaussaat
begonnen werden konnte, welches in der hiesigen rauhen Gebirgsgegend von besonderem
Werte ist.
April
Die Witterung war normal, sodaß die Frühjahrsbestellung gut von statten
ging. Die Winterfrucht ist gut durch den Winter gekommen. Unser Herr Vikar Mantel,
welcher hier Vier Jahre lang segensreich gewirkt hatte, wurde in gleicher Eigenschaft
nach Lügde versetzt; sein Nachfolger wurde der Herr Kaplan 1912 noch April
Rörig, bisher in Lichtenau.
Der häufige Seelsorgerwechsel in jenen Jahren erklärt sich recht einfach:
Holtheim war nicht, wie heute, Pfarrvikarie, sondern nur Filialgemeinde von
Lichtenau. Daher waren auch Taufen, Hochzeiten und Firmungen dort abzuhalten
und konnten nur mit Genehmigung des Lichtenauer Pfarrers ausnahmsweise in Holtheim
stattfinden. Holtheim bekam zumeist junge Priester, die dann nach einigen Jahren
ihr Pfarrexamen machten, um Pfarrer zu werden und daher die Gemeinde rasch wieder
verließen.
Die Einnahmen der Gemeindekasse pro 1911 betrugen 26360,08 M(ark). Die Ausgaben
der Gemeindekasse pro 1911 betrugen 25865,74 M(ark). Die Kommunalsteuerzuschläge
haben sich gegen das Vorjahr nicht geändert.
Mai
Es fanden viele Nachtfröste statt, welche den jungen Klee besonders schadeten.
Juni
Die Dorfstraße von der Kirche bis zum südlichen Ausgange des Ortes
und ein Teil des Marschallshagener Weges wurden mit neuer Decklage versehen.
Juli
Es fanden verschiedene Gewitter statt. Ende dieses Monats wurde mit Roggenmähen
begonnen.
August
Die Witterung war sehr veränderlich. Der Roggen sowohl wie die anderen
Früchte waren wegen der regnerischen Zeit dem Verderben ausgesetzt.
September
Wegen der anhaltenden Nässe verzögerte sich die Aussaat der Winterfrucht
und konnte sich daher hier in dem rauhen Klima nicht mehr gehörig bestocken.
Oktober
Keine Einträge!
November
Die Ernte kann bezüglich des Wachstums als eine gute bezeichnet werden,
und ist der viele Auswuchs, wodurch das Korn minderwertig geworden ist, sehr
zu beklagen.
Das gemähte und in Garben gebundene Getreide wurde früher auf dem
Felde zum Trocknen bis zum Einfahren in Richten aufgestellt. Wenn es dann regnete,
trat der gegenteilige Effekt ein: Das Getreide wuchs aus, der Körnerertrag
beim Dreschen ("Maschinen") war minderwertig.
Der Zentner Roggen kostete 8,50 M.; der Zentner Weizen 10,00 M.; der Zentner
Gerste 8,50 M.; der Zentner Hafer
8,50 M.; der Zentner Kartoffeln 3,00 M(ark).
Dezember
In der Zeit vom 1. bis einschl. 8. wurde in der hiesigen Filialkirche eine Mission
von den Hochwürdigen Herrn Franziskanerpatres Eusebius und Daniel gehalten.
Wir hatten täglich drei hl. Messen und drei Predigten, woran sämtliche
Einwohner und dazu eine Anzahl Leute aus den benachbarten Gemeinden teilnahmen.
Die Feier wurde noch besonders dadurch erhöht, weil gerade damit die Hundertjahrfeier
unserer Kirche zusammenfiel. Ein schöneres und erhabeneres Fest hatte Holtheim
wohl noch nie gesehen.
Die Witterung war abwechselnd Frost, Schnee und Regen. Es fanden in diesem Jahre
13 Geburten, 4 Trauungen und 5 Sterbefälle statt.
Holtheim den 31. Dezember 1912
der Vorsteher die Gemeindeverordneten
Diekmann Dreker
Günther
Kammler