1919

Januar / Februar
Am 17. Januar wurde der Waffenstillstand zum zweiten Male verlängert. Am 19. fand die Wahl zur deutschen und am 26. die Wahl zur Preußischen Nationalversammlung statt. In diesen beiden Monaten gab's viel Eis und Schnee. Das Brennholz ist infolge des Krieges immer teuerer geworden. Es kostete der Raummeter 12 bis 18 Mark, wogegen derselbe vor dem Kriege 4 Mark kostete.

März / April
Zu Anfang des Monats März war trockene Witterung. Von Mitte März bis Mitte April regnete es fast immer, so daß mit der Frühjahrsbestellung erst in der zweiten Hälfte des April begonnen werden konnte. Der Lehrer Nutt, welchen die Verwaltung der hiesigen I. Lehrerstelle übertragen war, wurde vom 1. April ab endgültig angestellt. Anm.: Josef Nutt war geboren am 12.1.1895 zu Erkeln bei Brakel, machte 1914 sein Lehrerexamen und kam Januar 1919 aus französischer Kriegsgefangenschaft als Lehrer nach Holtheim. Volle 41 Jahre, bis zum 1. April 1960, war er Lehrer und später Hauptlehrer der Holtheimer Volksschule und unterrichtete in dieser Zeit 660 Schüler. Er begründete 1920 den alten Glashütten-Gesangverein als MGV Eintracht neu und gehörte später zu den Begründern des Sportvereins SC Grün-Weiß. Seit 1920 war er mit der von 1911 bis 1921 in Holtheim tätigen Lehrerin Maria Schmidt aus Haaren verheiratet. Beide Söhne fielen im Abstand weniger Wochen in Kurland. Während all der Jahre in Holtheim spielte Hauptlehrer Nutt in unserer alten Kirche täglich die Orgel. Der MGV Eintracht hatte in ihm 40 Jahre einen kompetenten und treuen Dirigenten. Wie kein anderer Lehrer vor und nach ihm, ist Josef Nutt auch heute noch in Holtheim unvergessen.
Die Gemeindevertretung wurde am 2. März neugewählt. Es wurden gewählt: 1. Landwirt Josef Waldeyer, 2. Landwirt Franz Schäfers, 3. Landwirt Heinrich Schäfers, 4. Maurer Wilhelm Rosenkranz, 5. Waldarbeiter Ferdinand Bunte und 6. Waldarbeiter Franz Nolte.
Die Gemeindevertretung hat beschlossen, sich der elektrischen Überlandzentrale anzuschließen und dazu 25000 Mark bewilligt.

Mai / Juni
Der Monat Mai war trocken und kalt, so daß die junge aufgehende Saat im Wachstum sehr zurück blieb und das Vieh auf den Weiden sich kaum ernähren konnte. Im Juni kam der lang ersehnte Regen, so daß die Frucht schnell wuchs und auch das Vieh auf den Weiden reichliche Nahrung fand. Der Gemeindevorsteher Günther wurde von der Gemeindevertretung auf eine sechsjährige Amtsdauer wiedergewählt.

Juli
Die Witterung war veränderlich, so daß die Heuerndte nur teilweise gut eingebracht wurde.

August
Mit mähen der Winterfrucht, welche durch Mäusefraß und durch das Auftreten des sog. Kornkäfers stark gelitten hatte, wegen der verspäteten Reife konnte erst Mitte des Monats begonnen werden (Satz ist tatsächlich so verbaut!). Die von der Gemeinde Holtheim zu bauende Teilstrecke des Weges Holtheim - Kleinenberg wurde als Notstandsarbeit, zu der ein Zuschuß von 5/6 der Überteuerung aus Reichsmitteln und Mitteln des preußischen Staates in Aussicht gestellt wurde, in Angriff genommen. Die Arbeiten wurden den Unternehmer Anton Muerköster aus Lichtenau übertragen. Anm.: Notstandsarbeiten wurden zumeist von den Gemeinden vergeben, um der großen Arbeitslosigkeit nach dem Kriege wenigstens etwas abzuhelfen.

September
Das Wetter war veränderlich, jedoch konnte die Winterfrucht trocken eingebracht werden. Die Sommerfrüchte konnten wegen der späten Reife und der schlechten Witterung nur mit der größten Mühe und zwar nur teilweise trocken eingescheuert werden.

October
Die Witterung war den ganzen Monat hindurch unbeständig, so daß die noch im Felde stehenden Sommerfrüchte meist verdarben. Die Kartoffelerndte fiel befriedigend aus.

November
Der Winter machte sich durch Schnee und Frost schon bemerkbar und sind daher die auf dem Felde noch vorhandenen Futterrüben erfroren und verdorben. Die Erndte ist eine mittelmäßige, bei einigen, deren Grundstücke von dem hier in Massen auftretenden Schwarzwild stark beschädigt wurden, sogar eine geringe zu nennen. Es kostete der Ztr. Weizen 23 Mk., Roggen 21,75 Mk., Gerste
20 Mk., Hafer 20,75 Mk.

Dezember
Die Witterung wechselte ständig mit Frost, Schnee und Regen. Am 9. d. Mts. fand eine allgemeine Viehzählung statt. Das Ergebnis war 101 Pferde, 223 Stück Rindvieh, 201 Schafe, 387 Schweine, 90 Ziegen, 8 Kaninchen, 182 Gänse, 66 Enten und 903 Hühner.

Die Viehpreise gingen derart in die Höhe, so daß für ein mittleres Arbeitspferd 8 bis
10000 Mark und für eine Milchkuh bis 3000 Mark gezahlt wurden. Ebenso stiegen die Preise für Kleidungsstücke, Schuhe, Holz u. dgl. In diesem Jahre fanden 19 Geburten, 13 Trauungen und 11 Sterbefälle statt.


Holtheim, den 31. Dezember 1919

Der Vorsteher Die Gemeindeverordneten

Günther (Nr. 31) Bunte (Nr. 68)
Rosenkranz (Nr. 104)
Waldeyer
Schäfers Nolte