1940

Januar
Ein kalter und klarer Wintertag leitete das Kriegsjahr 1940 ein. Infolge sich wiederholender Schneeverwehungen und den reichlichen Schneefällen wurden längere Zeit sämtliche noch verfügbaren Kräfte zum Schneewerfen aufgeboten. Mitte des Monats steigerte sich die Kälte weiterhin. Am 30. Januar mußte der Verkehr fast vollständig stillgelegt werden, die Post blieb ebenfalls aus und mußte diese von Lichtenau mit einem Schlitten geholt werden. Infolge der heftigen Schneeverwehungen konnte die Post von Paderborn nach Lichtenau nicht einmal aufrecht erhalten werden, sodaß 3 - 4 Tage überhaupt keine Post kam und auch von hier nicht befördert wurde. Die Kälte betrug 30 - 32 Grad. Das Wild litt große Not und ging etwa auf 2/3 seines Bestandes zurück. Der Winter war auch dieses Jahr hinsichtlich seiner langen Dauer, seines reichlichen Schneefalles und seiner grimmigen Kälte so streng, sodaß er gar den Winter 1928/29 noch übertraf.

Februar
In der ersten Monatshälfte wechselten Schnee, Frost und Regen. Am 20. Februar fand in Lichtenau eine Pferdemusterung für das Militär statt. Von hier wurden keine Pferde gezogen.
Am 24. setzte starkes Tauwetter ein, sodaß die Kanäle und Durchlässe die Wassermassen nicht aufzunehmen vermochten.
Die Gemeinde war längere Wochen mit Wehrmachtsangehörigen belegt. Es waren hier 200 Offiziere und Mannschaften untergebracht.

März
Die erste Märzwoche brachte wieder Schnee mit Verkehrsstörungen. Doch setzte bereits wieder am 9. Tauwetter ein und einzelne eingefrorene Wasserleitungen tauten wieder auf.

April
Die planmäßige Lehrerin Elisabeth Fischer, welche bereits seit September 1937 an der hiesigen Volksschule angestellt war, wurde am 1. wieder an die Mittelschule in Lichtenau, wo dieselbe auch vorher tätig war, versetzt. Am 30. Juni verschied dieselbe bereits aus ihrem so jungen und arbeitsreichen Leben im Alter von 37 Jahren. Als Andenken wurde ihr von der Gemeinde ein Kranz gespendet. Aus Kriegswichtigen Gründen wurde am 1. die sogenannte Sommerzeit im deutschen Reich eingeführt, d. h. alle Uhren werden um 1 Stunde vorgestellt. Die 2. Aprilhälfte brachte schönes Wetter und es konnte mit der Frühjahrsbestellung begonnen werden.

Mai
Ein schnelles Grünen ist in der Natur zu beobachten. Doch lassen sich jetzt erst recht die Auswirkungen des strengen Winters feststellen. Am 10. d. Monats rückt die Einquartierung, welche zuletzt überwiegend aus Luftlandetruppen bestand, von hier ab. Am gleichen Tage entschließt sich der Führer, die Neutralität Hollands, Belgiens und Luxemburgs unter den Schutz des deutschen Reiches zu stellen, zumal von Seiten Englands und Frankreichs geplant ist, durch diese Staaten den Einbruch ins Ruhrgebiet vorzunehmen. Die deutsche Wehrmacht schlug die Wiederstände, wo sie nur auftraten. Am 28. des Monats kapitulierte Belgien bereits. Holland hatte die Waffen gestreckt.

Juni
Die täglichen Rundfunknachrichten und Sondermeldungen überstürtzen sich förmlich. Die Französische Front ist im Wanken. Frankreich bittet nach unwiederstehlichen Durchbruch und Vormarsch der deutschen Truppen um Waffenstillstandsverhandlungen, die am 22. im Walde von Compiegne zum Abschluß gelangen. Am 25. wird der Waffenstillstandsvertrag um 1 1/2 Uhr durch Rundfunk bekannt gegeben. Hierdurch ist der Schandvertrag von Versailes endgültig ausgelöscht. Jetzt heißt es, den letzten und zähesten Feind, "England" zu schlagen und es wird geschlagen, zu Wasser und in der Luft.
In der Nähe des Ortes Grundsteinheim wurden in einer Nacht 3 Sprengbomben geworfen, welche ein Pferd, eine Kuh und 1 Rind töteten. Die lang anhaltende Dürre ist für die Landwirtschaft von großen Schaden. Vom Beginn der Waffenruhe mit Frankreich wird an allen Orten an 7 Tagen geläutet und 10 Tage hindurch geflaggt.

Juli
Am 1. Juli wurde durch Rundfunk der Beginn der Sommerferien für alle Schulen angeordnet. Fast allabendlich ist Fliegeralarm, gewöhnlich in der Mitternachtsstunde. Sehr oft konnte man beobachten, wie feindliche Leuchtschirme in der Luft hingen, um die Gegend abzuleuchten. Es werden jede Nacht 2 Mann bestellt, welche Wache zu halten haben und zwar 1 Mann von der Feuerwehr und 1 Mann aus dem Orte.
Die Kartoffelkäfersuchaktion wurde auch in diesem Sommer wie im Vorjahre durchgeführt. Von den Schulkindern wurde eine Heilkräutersammlung vorgenommen.

August
Die Erntezeit war größtenteils regnerisch, sodaß hier und da Getreide auswuchs, zudem hatte die Winterfrucht stark durch Auswintern und die Sommerfrucht durch die lang anhaltende Dürre gelitten. Der Körnerertrag war wohl noch als angemessen zu bezeichnen, der Strohausfall war jedoch sehr groß. In der Nacht vom 2. - 3. August warfen englische Flieger wieder Flugblätter mit lächerlichen und nichtssagenden Inhalte ab. Ferner versuchten sie durch wahllosen Abwurf von Phosphorbrandplättchen Brände in Wald, Feld und Dörfern zu verursachen. Es wurde in hiesiger Gegend nur geringer Brandschaden in einem Waldstück bei Blankenrode verursacht.

September
Der Wiederbeginn des Schulunterrichts wurde auf den 11.9. festgesetzt, der Unterricht wird von 10 - 13 Uhr abgehalten.

Oktober
Ab Mitte des Monats war schönes Wetter zu verzeichnen. Die Kartoffelernte fiel sehr unterschiedlich aus. Neue Saatkartoffeln brachten durchschnittlich einen guten Erfolg, alte dagegen nur einen sehr geringen. Am 25. war in Lichtenau die 2. Pferdeaushebung für die Wehrmacht. Aus der hiesigen Gemeinde mußten 3 Pferde abgeliefert werden. Die Besitzer waren: Franz Leifeld No 5, Bernhard Grewe No 60 und Josef Schopohl No 61. Das Pferd des Franz Leifeld erzielte den höchsten Preis von 1800,- R.M.
Am 6. wurde die Beibehaltung der Sommerzeit aus kriegswirtschaftlichen Erwägungen heraus angeordnet.

November
Am 14. hatten wir nach einer stürmischen Nacht eine orkanartigen Vormittag. Dachziegeln flogen herab, Bäume wurden entwurzelt und Baumkronen ausgebrochen. Von dem Turm der Kirche wurde die Zinnbedeckung zu einem Drittel abgerissen. Besonders großer Schaden wurde in den Wäldern angerichtet, so wurden im Gemeindewalde zirka 500 Festmeter und in den von Zitzewitzschen Waldungen über 1000 Festmeter Bäume entwurzelt oder durchgebrochen.
Die Festpreise für Korn waren folgende.
Je 1 Dz. Weizen 20,60 R.Mrk. Mengkorn 18,40 bis 20 R.Mrk. Roggen 18,40 R.Mrk. Hafer 18 R.Mrk. Gerste 18 R.Mrk. Kartoffeln 6 bis 7 R.Mrk. 1Kg. Molkereibutter 3,60 R.Mrk.

Dezember
Am 6. setzte Schneegestöber ein, am 14. - 16. Frost und am 17. wieder Neuschnee, der ins neue Jahr überdauerte. In der Sylvesternacht war ein sehr starker Schneefall zu verzeichnen. Die Weihnachtstage brachten prächtiges Winterwetter. Die feindlichen Flieger überfliegen des Nachts auch jetzt noch die hiesige Gegend, jedoch kommen dieselben schon immer seltener.
Am zeitigen Kriege nahmen aus hiesiger Gemeinde folgende Personen teil.
Franz Schmidt, No 98. Martin Flore Schuhmacher. Wilhelm Klemm, No 80. Franz Jostes, No 41b. Jos. Schlender, No 67. Karl Hansmann, No 51. Leifeld August, No 5. Hilsky Hieronimus, Hilsky Christian, Hilsky Wilhelm, alle drei No 96. Beseler Karl, Beseler Wilhelm, Beseler Arnold, alle drei No 9. Gockel Bernhard, Gockel Johann, beide No 87. Diederichs Hermann, Diederichs Johann, Diederichs Konrad, alle drei No 70. Bunte Josef, No 99. Hedergott Johannes, Hedergott Martin, No 82. Bunte Hermann, Bunte Bunte Ferdinand, beide No 68. Wittlage Hermann, No 25. Ewers Johann, No 14. Lücking Franz, No 39. Hillebrand Johann, No 35. Schäfers Josef, Schäfers Johannes, beide No 45. Meier Josef No 40. Auge Anton N(o) 44. Fust Josef, Fust Johann, Fust Hermann, Fust Andreas, alle vier No 97. Meyer Franz, Meyer Johann, Meyer Josef, Meyer Heinrich, alle vier No 2. Jöhring Franz, No 56. Josef Hillebrand, No 109. Josef Knaup, No 108. Josef Schäfers, Anton Schäfers, beide No 12. Tölle Josef, No 88. Kröger Josef, No 65. Waldeyer Josef, No 8. Günther Franz (No) 11. Ziegeler Josef, Ziegeler Johann, beide No 15. Hüneke Karl, No 16. Schäfers Anton, No 18. Paschen Xaver, No 47.a. Dreker Franz, No 23. Knaup Aloys, No 37a. Wrede Edmund, No 81. Meyer Bernhard, No 30. Meyer Franz, No 30. Gockel Philipp, No 95. Wolf Franz, Wolf Johannes, beide No 101. Meyer Franz, No 80. Meyer Josef, No 79.
Ebenfalls eingezogen, aber hier vergessen, waren folgende Männer der Gemeinde Holtheim: Josef Jöhring, Nr. 57; Anton Knaup, Nr. 113; Heinrich Müller, Nr. 89; Karl Geilhorn, Nr. 80; Rudolf Nutt, Nr. 71 und August Altrogge, Nr. 61. Die hier nicht aufgeführten Soldaten der Gemeinde wurden erst später eingezogen.
Die Jahresrechnung 1939/40 hat folgenden Abschluß:
Einnahme 51.142,75 R.Mrk.
Ausgabe 47.091,75 " "
Bestand 4.051,00 " "
Die Personenstandsaufnahme am 10.10.1940 ergab 119 Familien mit 618 Einwohner(n). Die Viehzählung am 3.12.1940 ergab:
92 Pferde, 479 Stck. Rindvieh, 254 Schafe, 831 Schweine, 10 Ziegen, 1.402 Hühner, 119 Gänse, 14 Enten und 22 Bienenstöcke.
Die Anbauflächenerhebung im Mai ds. Js. ergab: in ha. Roggen 26, Weizen 21, Gerste 43, Hafer 112, Mengkorn 97, Hülsenfrüchte 26, Kartoffeln 37, Gemüse 41,
Flachs 2 1/2, Klee 57, Brache 6, Wiesen 71, Weiden 182, Forsten 97 und sonstiges 69 ha.
An Wegebauten wurden ausgeführt, der Weg vom Hause des Anton Günther N. 31 bis zum Hause des Heinrich Künneke N 37a (oberer Abschnitt der heutigen Mitteldorfstraße) wurde mit einer neuen Decklage versehen und eine 50 mtr (Meter) lange neue Seitenrinne angelegt.
Ferner wurde der Weg vom Garten des Johann Hüneke bis zum Hause des Johann Fust (heutige Bogenstraße) mit einer neuen Decklage versehen.
Eine neue Straßenrinne wurde ferner angelegt vom Kriegerehrenmalsgarten bis vorbei am Hause des Karl Sander No 24 (Zum Brunnen 4). Die Wegebaukosten einschl. Rinnen betrugen 1.710,- R.Mrk.

Holtheim, d. 31.12.1940
der Bürgermeister
Junker Günther