1946
Januar
Mit dem Neujahrstag 1946 sank ein Jahr aus leidvoller Gegenwart hinab in den Strom der Vergangenheit. Das Jahr 1945, das schwärzeste Jahr deutscher Vergangenheit, das unheilvollste Jahr deutscher Geschichte, tritt ab. Es bleiben die Spuren der Verwüstung; eine tausendjährige Kultur mit den meisten ihrer ehrwürdigen Denkmäler sind der Zerstörung überantwortet. In unserer Gemeinde herrscht noch tiefe Trauer um die auf dem Felde der Ehre gefallenen Soldaten. Manches bange Mutterherz hofft noch auf gute Nachricht eines verschollenen Sohnes, andere warten sehnsüchtig auf die Heimkehr eines Angehörigen aus der Kriegsgefangenschaft. Möge diesen Hoffenden das Jahr 1946 erlösenden Trost bringen.
Der Monat Januar zeigte wenig von seiner ihm sonst anhaftenden winterlichen Strenge. Den tiefsten Stand erreichte das Thermometer am 24.1. mit minus 10 Grad, aber noch im Laufe des Tages lockte die klare Sonne dasselbe auf Plus 2 Grad. Im ersten Drittel des Monats gingen Schlackerschnee und Regen in reichlicher Menge nieder, als dann am 15.1. über Nacht die Temperatur auf Minus 4 Grad herabsank, blieb eine dünne Schneedecke zurück - der erste Schnee im neuen Jahr.

Februar
Der Februar, noch milder als der Januar, brachte es nur auf 2 Grad. An den meisten Tagen herrschte sogar Frühlingstemperatur. Der 20. brachte ein Gewitter mit nachfolgendem Sturm und Schnee. Die letzte Februarwoche wurde bei 2 Grad zur weißen Woche. Am 1.2. fand auf Anordnung des Regierungspräsidenten erstmalig eine Wohnraumflächenerhebung statt. Diese Erhebung wurde karteimäßig festgehalten und dient als Unterlage bei der Unterbringung der zu erwartenden Ostflüchtlinge.

März
Die ersten Märztage brachten bei milder Witterung etwas Schneefall. Die tiefste Temperatur lag bei 5 Grad. Ab 10. hatte das Termometer(sic!) nur Plusgrade zu verzeichnen. Gegen Monatsende lachte die Frühlingssonne derart, daß am 30.3. der erste Hafer gesäht werden konnte. Um die große Not der Stadtbevölkerung in etwa zu lindern, wurde eine Kommission beauftragt, die Kartoffel- und Kornvorräte in den einzelnen Betrieben zu kontrollieren und gegebenenfalls Überschüsse abführen zu lassen. Am 27.3. wurde zu Gunsten der Ostflüchtlinge eine Sammlung an Möbeln, Haushaltungsgegenständen und Kleidungsstücken durchgeführt, ebenso eine Büchersammlung für das Lager Ringelstein (deutsche Soldaten). Die Wildschweinplage nimmt überhand. Die Äcker, welche mit Winterfrucht bestellt sind, sind teilweise bis zur Unkenntlichkeit durchwühlt, so daß die Wintersaat umgebrochen werden muß. Die Schwarzkittel können ihrem Zerstörungswerk nachgehen, da zur Zeit laut Verordnung der Militärregierung kein Gewehr für unser Jagdgebiet zur Verfügung gestellt wird.

April
Der April brachte an nur wenigen Tagen kaum spürbare Nachtfröste - Bodenfröste. An den meisten Tagen herrschte Frühlingstemperatur, nur an wenigen Tagen kam der Charakter des April zum Vorschein. Am 20. April stand die frühe Kirsche schon in voller Blüte.

Mai
Im Wonnemonat Mai hielt das herrliche Wetter stand. Am 14.5. ging von früh bis spät ein erquickender Regen nieder, dann in Abständen von je 10 Tagen ein kräftiger Gewitterregen. Das Pflanzen der Kartoffeln ging bei günstiger Witterung flott vonstatten.
Ein zeitgemäßes Bild gab in diesen Wochen die hier allerorts um Nahrung bittende Schar der Stadtbewohner ab. Sie kamen zumeist aus dem Industriegebiet und belebten vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Dorfstraßen. Diese Menschen waren nicht Hamsterer im üblen Sinne des Wortes, nein Hunger, die Not um ihre Familie, trieb sie aus der Stadt bettelnd aufs Land. In den Städten herrschte Hungersnot, dort gab es während der ganzen Wintermonate keine Kartoffeln, und Brot zu wenig.
Die Maikäfer traten in ungeheuren Mengen auf.

Juni
Der Juni brachte durch seine reichlichen Niederschläge die Feldfrucht erheblich vorwärts, weniger passend kam diese Witterung dem Imker. Die Schäden durch Wildschweine dauern an. Die am 24. dieses Monats durchgeführte Viehzählung ergab: 99 Pferde, 452 Rindvieh, 458 Schweine, 596 Schafe.

Juli
Die letzten Junitage traten mit einer sehr schönen Witterung auf, die bis zur Hälfte des Monats Juli anhielt. An manchen Tagen meinte es die Sonne wirklich zu gut. In der zweiten Hälfte des Monats folgten Regen und Sonnenschein in buntem Wechsel. Der erste Flüchtlingstransport für unsern Amtsbezirk traf am 2.7. ein. Holtheim wurden 10 Personen zugeteilt (Ostvertriebene) Am 9.7. fand hier eine Pferdemusterung statt.

August
Im August war die Witterung zur Zeit der Ernte nicht besonders günstig. Hatte sich schon im vorigen Jahre das Fehlen des Kunstdüngers bemerkbar gemacht, so wirkte sich diese Tatsache im Jahre 1946 noch viel nachhaltiger aus. An Ostflüchtlingen erfolgten am 20.8. eine Zuteilung von 14 und am 29.8. eine von 60 Personen.

September
Günstig für den Landwirt ist die Sptember-Witterung anzusprechen, sowohl für die Einbringung der Hackfrüchte, als auch für die Feldbestellung zur Wintersaat. Ab 15. September kamen die Mahlkarten in Fortfall. Jeder Selbstversorger erhielt Brotkarten. Alles Brotgetreide, als Brotgetreide rechnet auch die Gerste, ist abzüglich des Saatgutes restlos abzuliefern. Am 20.9. begann eine dreimalige Typhus-Schutzimpfung, die in Abständen von je 8 Tagen durchgeführt wurde. Die am 15.9. hier in der Schule durchgeführte Gemeindewahl ergab wie folgt aufgestellte Gemeindevertreter:
Anton Hansmann Haus-No 7
Karl Geilhorn Haus-No 4
Johann Ewers (Magisters) Haus-No 14
Josef Joachims Haus-No 91
Franz Diekmann (Poggenpohls) Haus-No 102
Franz Schmidt (Flöts) Haus-No 98
Aus der Reserveliste gingen folgende Gemeindevertreter hervor:
Hermann Waldeyer Haus-No 8
Wilhelm Jöhring Haus-No 56
Heinrich Künneke Haus-No 37a.

Oktober
Brachten die ersten Oktobertage Niederschläge, so trat Ende des Monats ganz überraschend winterliche Kälte ein. In der hiesigen Feldmark richtete dieser Frost keinen Schaden an, da Kartoffeln und Runkeln bereits eingekellert bzw. eingemietet waren. Am 13.10. fand die Wahl der Vertreter zum Kreistag statt. Aus unserer Gemeinde wurde der Bauer Ferdinand Diekmann (Nr. 20, Zum Brunnen 1) gewählt und anerkannt. Bei einer abermaligen Zuteilung von Ostvertriebenen wurden Holtheim 26 Personen zugewiesen. Die Volkszählung am 30.10. ergab 398 männliche und 484 weibliche Personen.

November
Der November brachte in der Witterung keine wesentliche Veränderung. Die Schlachtgenehmigungen für die üblichen Hausschlachtungen wurden grundsätzlich nur von der restlosen Erfüllung der landwirtschaftlichen Ablieferung abhängig gemacht.
Am 23. November legte Bürgermeister Josef Günther (vulgo Hellemeggers, Nr. 13, Zum Brunnen 8) sein Amt, welches er seit 1933 inne hatte, nieder; sein Nachfolger wurde der Bauer Hermann Waldeyer (Nr. 8, Zum Brunnen 17).

Dezember
Der Dezember machte sich in seiner ersten Hälfte als Wintermonat kaum bemerkbar, umso kräftiger zeigte er dann seinen winterlichen Character. Am 15. hatten wir bereits 13 und am 16. 15 Grad Kälte. Diese Kältewelle hielt bis zu Weihnachten an und am Jahresschluß setzte Tauwetter ein. In den letzten Tagen des Dezember erfuhr unsere elektrische Stromzufuhr von Tag zu Tag mehrmals eine vorher nicht bekanntgegebene Stromunterbrechung, die oft stundenlang anhielt. Die Viehzählung am 3.12. ergab 95 Pferde, 439 Rinder, 456 Schafe, 491 Schweine, 3 Ziegen, 817 Hühner, 116 Gänse, 18 Enten, keine Truthühner, 24 Bienenstöcke.
Der Gemeindekassenabschluß für das Rechnungsjahr 1945 ergab:
Einnahme 67418,37 RM
Ausgabe 45565,54 RM
Bestand 21852,83 RM.

Abgeschlossen
Holtheim, den 31. Dezember 1946
der Bürgermeister: Günther

Nachtrag: Am 10. Oktober starb in einem Gefangenenlager in Frankreich nach neunjähriger Dienstzeit der Stabsgefreite Franz Schultenjohann.